X E N O S

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Salvatore Raimo BA

 


 

 

 

 

 

 

 

Was Ihnen in den naechstfolgenden Zeilen unterbreitet wird, ist das Project "Xenos" - der Fremde oder auch der Gast. Dieses Projekt positioniert sich im Interventionsbereich Für Rauschmittelsucht und Rueckfallpraevention. Anlaß dazu, sind empirische Beobachtungen in verschiedenen therapeutischen Gemeinschaften Für die Rehabilitierung und Resozialisierung von Rauschgiftsüchtigen  in Italien, Deutschland und der Schweiz.


 

 

Alle Projekte haben etwas gemeinsam, diese Gemeinsamkeit besteht aus dem Mangel. Ich werde versuchen etwas genauer zu sein: Jedes Projekt geht von der Voraussetzung eines Mangels aus und entsteht als Antwort auf diesen Mangel. Zwischen Mangel und Unbehagen besteht ein gewisser Zusammenhang. Auch zwischen Unbehagen und Bedürfnis besteht ein Zusammenhang - Unbehagen als Resultat eines unbefriedigten Bedürfnisses. Es kann sich bei diesem Bedürfnis um das Bedürfnis einer Person handeln, oder  einer Familie, einer sozialen Schicht, usw. Eines der Haupt Bedürfnisse Für dessen Befriedigung dieses Projekt eine Möglichkeit darstellen will ist das Bedürfnis nach Zugehörigkeit.

Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist eines der Grund Bedürfnisse des Menschen und es entsteht nachdem die physiologischen Bedürfnisse und das Bedürfnis nach Sicherheit befriedigt worden sind. Die Befriedigung des Bedürfnisses nach Zugehörigkeit ist die Vorbedingung der Entwicklung des Menschen in der Verwirklichung seiner selbst.

Mann kann mit einigermaßen ruhigem Gewissen behaupten, daß es in der westlichen Gesellschaft fast kein Problem mehr darstellt die physiologischen Bedürfnisse und das Bedürfnis nach Sicherheit zu befriedigen, da die meisten Menschen etwas zu Essen und ein Dach über dem Kopf haben. Was man aber in den letzten Jahrzehnten immer mehr beobachten konnte ist, daß mehr und mehr Menschen, um diese Bedürfnisse befriedigen zu Können, aus ihrer Heimat auswandern müssen. Eine Eigenschaft welche diese Migration immer mit sich bringt, ist die "nicht Zugehörigkeit", das nicht zu Hause sein, das Fremd sein.

Der Tourist weiß, daß er nach kurzer, vorbestimmter Zeit wieder nach Hause zurückkehren wird, er hat eine Rückfahrkarte. Der Emigrant hat keine Rückfahrkarte, er weiß nicht wie lange sein Aufenthalt in einem fremden Land dauern wird. Im Allgemeinen ist der Tourist ein gern gesehener Gast, er bringt Wohlstand mit sich (Geld). Der Immigrant ist kein gern gesehener Gast, er stellt eine Gefahr dar, da er anscheinend nichts bringt sondern etwas wegnimmt (Wohnungen Arbeitsplätze, etc.). Wenn man eine Gefahr darstellt so heißt das auch, daß man Angst verursacht, Angst ist unangenehm also lehnt man das was Angst verursacht ab. Abgelehnt werden ist nicht angenehm, besonders an einem Ort an dem man nicht "zu Hause" ist. Die Ablehnung wird somit zu etwas was man vermeiden muß, wie die Angst. Eine Art um diese Ablehnung die man als Fremder spürt zu vermeiden ist die, nicht mehr Fremder zu sein, also so zu werden wie die "Anderen", dies durch den Verzicht auf die Eigenartigkeit welche eine Person die aus einem anderen Land kommt auszeichnet. Um diesen Prozeß zu definieren werde ich den Begriff "Assimilation" verwenden.

Eine andere Möglichkeit (diese verschiedenen Möglichkeiten sind komplementär und schließen sich nicht gegenseitig aus) um anscheinend diesem Unbehagen zu entgehen das durch die nicht Zugehörigkeit entsteht ist die, sich mit anderen Personen, welche auch nicht zugehörig sind und abgelehnt werden, zu koalisieren und eine Stätte aufzubauen die auf irgendeine Weise an das "verlorene Heim" erinnert.

Philon von Alexandrien(13 v. Ch. - 45/50 n. Ch.) schreibt in seinem Buch über die Migration Abrahams: "Der Boden symbolisiert den Körper, die "Verwandtschaft" die Wahrnehmung und das "Haus des Vaters" das Wort." Mit Boden ist die Erde gemeint in der man seine Wurzeln hat.  Wenn man sich dann trifft, in diesem Substitutions zu Hause und über das "Haus des Vaters" spricht, so spricht man nicht einfach über einen Ort oder ein Haus, dieses Haus wird zu einem Schloß, Sitz aller Schönen Dinge zu denen man eines Tages zurückkehren wird. Oft herrscht in diesen Gruppen eine gewisse Feindseligkeit gegenüber dem Gastgeberland. Dies drückt sich aus indem man dessen Kultur und Tradition entwertet ohne diese zu kennen und indem man die eigene Kultur  idealisiert. Diese Art mit der Ablehnung umzugehen erzeugt unter Anderem auch die Randgruppen. Das heißt, eine Gruppe von Personen die sich nicht in die Gesellschaft integriert und am Rande von dieser lebt, mit eigenen Ritualen und Normen.

Die aufgeführten Betrachtungen gelten Für fast all jene die aus ihrer Heimat emigrieren mußten, aber trotz  der beschriebenen Schwierigkeiten besitzen sie einen Vorteil... die Erinnerung eines "zu Hause", eines Ortes zu dem sie zugehörig waren und zu dem sie sich noch zugehörig Fühlen: Eben das "Haus des Vaters". Dies ist unabhängig von der realen Existenz diese Ortes, wichtig ist, daß eine Zugehörigkeit erlebt worden ist und somit auch eine Trennung.

Im Alten Testament spricht Gott zu Abraham: "Geh aus deinem Vaterland und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.” (Gen.12.1-3).

Es handelt sich um den Auszug ohne Wiederkehr, den Gott gesegneten Auszug um an einem anderen Ort ein neues "Haus des Vaters" aufzubauen. Dies trifft heute auf die wenigsten Immigranten zu; Für die meisten handelt es sich um einen provisorischen Auszug, nicht um ein neues "Haus des Vaters" aufzubauen, sondern um die Mittel zu erarbeiten die es ermöglichen sollen zurückzukehren zum "Haus des Vaters" und dort zu leben. 

 

 

Die in den vorangegangenen Zeilen beschriebene Situation trifft hauptsächlich auf die erste Generation der Immigranten zu, wichtige Punkte sind:

 

 ·    Auszug aus einem Zu Hause

 

 ·    Klare Aufgabe und Ziel

 

 ·    Wunsch und Hoffnung auf Rückkehr

 

 

 

Die Kinder der Immigranten: Die zweite Generation

 

In den vorhergehenden Zeilen ist kurz die Problematik der Emigration Für die erste Generation beschrieben worden. Für die sogenannte zweite Generation liegen die Schwerpunkte etwas anders. Die erste Generation hat eine Erinnerung an ein zu Hause, an eine Zugehörigkeit nicht nur zum engen Kreis der Familie, sondern zu einem sozialen Netz. Die zweite Generation hat dies nicht. Es handelt sich um Kinder, die mit einem Traum aufwachsen der ihnen nicht gehört. Nach Hause zurück hat eine Bedeutung Für ihre Eltern, nicht Für sie. Sie wachsen in einer Familie auf, welche sich nur vorläufig an einem bestimmten Ort befindet und schon deshalb nicht in Beziehungen zum sozialen Umfeld investiert. Die Regeln, Rituale und Mythen der Familie unterscheiden sich oft sehr stark von den Regeln und Riten denen die Kinder außerhalb der Familie begegnen (Schule, Freunde, Freizeitheime, andere Familien). Die Rollenverteilung und das Hyrarchiesystem innerhalb der Familie sind oft konfus, da die Kinder in vielen Situationen als Familienoberhäupter fungieren wegen ihrer besseren Beherrschung der Sprache und ihrer besseren Kenntnis des Gastgeberlandes. Die Wahrnehmung der Kinder bezüglich ihrer Eltern ist oft die der Inkompetenz. Die Folgen davon, daß die eigenen Eltern als inkompetent erlebt werden und somit auch nicht die beschützende Funktion einnehmen Können, sind der Mangel an Anerkennung der elterlichen Autorität, der normgebenden und beschützenden Instanz.

Der elterliche Wunsch und die Hoffnung auf Heimkehr wird sehr oft nicht von den Kindern übernommen, da diese Begriffe Für sie nicht mit den selben Orten verbunden sind wie Für ihre Eltern, oft sind diese Begriffe mit keinem realen Ort verbunden, sondern es handelt sich eher um einen existentiellen Zustand nach dem Sehnsucht besteht, Sehnsucht nach Geborgenheit.

Nachfolgend möchte ich noch kurz auf den Begriff der "Vorlaeufigkeit" eingehen:

Ein Leben in Vorlaeufigkeit bringt unweigerlich eine dauernde unterschwellige Angst mit sich: die Angst vor dem Schmerz der Trennung. Eine Möglichkeit diesem Schmerz entgegenzuwirken ist sich nicht in bedeutungsvolle Beziehungen einzulassen, also nicht dazugehören. Eine Folge dieses Mangels an Zugehörigkeit ist die, daß keine Trennung stattfindet da die Voraussetzung dazu fehlt, nämlich die Zugehörigkeit. Das nicht Beherrschen dieser zwei Bewegungen: Zugehörigkeit und Trennung, bringt natürlich Beziehungsprobleme mit sich, eines dieser Probleme ist sicherlich die Schwierigkeit bedeutungsvolle Beziehungen aufzubauen und aufrecht  zu erhalten. Bedeutungsvolle Beziehungen sind der Sauerstoff dafür, daß ein soziales Netz entstehen kann, das in Krisensituationen tragfähig ist. Die Adoleszenz ist eine Zeit der Krise, der Trennungen und der neuen Zugehörigkeit...

 

Das Projekt Xenos ist auf Grund der vorangegangenen Beobachtungen und Überlegungen entstanden. Als ich mit einigen Kollegen die Beobachtungen konfrontierte, entdeckten wir so viele Analogien, daß es sich hierbei schwerlich um Zufälle handeln kann:

 

 1.   Der quantitative Unterschied zwischen ausländischen und nicht ausländischen KlientInnen.

2.    Zahl der ausländischen KlientInnen die es schaffen ein therapeutisches Programm zu beenden.

3.      Beobachtungen bzgl. Der Bildung von Randgruppen innerhalb der therapeutischen Gemeinschaften.

4.      Miteinbezug der Familie und des sozialen Netzes im Rehabilitierungsprozess.

5.      Analogien in den persönlichen und familiären Geschichten der KlientInnen.

 

Der quantitative Unterschied zwischen ausländischen und nicht ausländischen KlientInnen in den Reha-Einrichtungen und in der Gruppe derjenigen die ein Therapieprogramm beenden:

 

Was ich voraussetzen möchte ist, daß die nachfolgenden Beobachtungen nicht auf einer wissenschaftlichen Studie beruhen da es nicht möglich gewesen ist, alle jene Kriterien zu erfüllen die es erlauben einer Forschung oder Überlegung die Imprimatur der "Wissenschaftlichkeit" zu geben. Es sind Beobachtungen und Erfahrungen die während der alltäglichen Arbeit gemacht worden sind in therapeutischen Einrichtungen Für die Rehabilitierung von Rauschgiftsüchtigen in der Schweiz, in Deutschland und Italien sowie in einigen Anlaufstellen Für italienische Familien im Ausland und italienischen Missionsstellen in Deutschland und der Schweiz.

Die Beobachtung ist sehr einfach zu beschreiben: die Zahl der rauschgiftsüchtigen Personen unter den AuslandsitalienrInnen der zweiten Generation ist prozentual höher als die der gleichaltrigen Einheimischen.

Als Beispiel nenne ich die Zahlen von Reha-Einrichtung in einem deutschsprachigen Kanton. In diesen Therapie Stätten beträgt der Prozentsatz der KlientInnen italienischer Herkunft ca. 40%. In der Bevölkerung dieser Kantone ist der Prozentsatz der Italiener der zweiten Generation im Vergleich zu den Schweizern höchstens 20%.

Daraus könnte sich schließen lassen, daß in der zweiten Generation der Auslandsitaliener vielleicht ein größeres Unbehagen vorhanden ist und daß eine falsche Antwort auf dieses Unbehagen gegeben wird. Dies natürlich nur, falls wir davon ausgehen, daß nicht die Rauschgiftsucht an sich das Problem ist sondern, daß es sich dabei nur um ein Scheinproblem handelt, um einen falschen Lösung versuch auf ein schon bestehendes Unbehagen.

Eine andere Beobachtung besteht darin, daß der Prozentsatz der italienischen KlientInnen die es schaffen ein Therapieprogramm zu beenden niedriger ist als der deutschen oder schweizerischen KlientInnen. Dem könnte zu Grunde liegen, daß eine der Anforderungen die fast alle therapeutischen Wohngemeinschaften stellen, darin besteht, ein starkes Zugehoerigkeitsgefuehl zu entwickeln und damit kommen wir wieder auf das zurück, was am Anfang beschrieben worden ist, und zwar auf die Tatsache, daß viele der Zweitgenerations ItalienerInnen diese Bewegung der Zugehörigkeit nicht erlernt haben und somit vor einer Anforderung gestellt werden die sie nicht in der Lage sind zu vollbringen.

 

Beobachtungen in Bezug auf die Dynamik der Randgruppen in therapeutischen Gemeinschaften:

 

Wenn man sich die Zeit nimmt und mehrere Wochen in einer therapeutischen Gemeinschaft verbringt ,so kann man wahrnehmen wie es sich um eine Kopie der Gesellschaftsstruktur handelt welche die KlientInnen in ihrer Erfahrung außerhalb der TG kennengelernt haben. Auf diese Art und Weise bildet sich eine Struktur welche die Elemente des Ausschließen und sich ausschließen beinhaltet, der Koalition gegen den "Anderen", wobei der "Andere" immer der- oder diejenige ist der zu anderen Gruppe gehört da dies das Fremde und somit das bedrohliche darstellt. Um diese Dynamik aufzudecken und zu thematisieren braucht es Mitarbeiter die in der Lage sind dies wahrzunehmen und die sich der Bedeutung ihrer Wahrnehmungen bewußt sind.

Bewußt über die Tatsache, daß eine Sprache nicht nur ein Mittel darstellt um Gegenstände, Handlungen oder Eigenschaften zu benennen sondern, daß eine Sprache auch ein Instrument ist um die Realität zu entziffern, daß sie Prioritäten beinhaltet wie auch ethische und moralische Wertmaßstäbe.

Es ist fast unmöglich ein Ereignis wiederzugeben, welches in einer bestimmten Sprache stattgefunden hat und dabei eine andere Sprache benutzen. Mit "in einer anderen Sprache stattgefunden" meine ich nicht nur die Sprache welche die Darsteller gebraucht haben sondern, auch die "innere Stimme" während des Ereignisses, die Stimme die diese Ereignisse wertet und ihnen die Farbe verleiht. So ist es sehr schwer möglich ein Drama welches auf Italienisch stattgefunden hat, farbgetreu auf Deutsch wiederzugeben. Dies vor allem Für Menschen in deren Erziehung der Sprache nicht sehr viel Bedeutung zugemessen wurde, da ja auch die Eltern oft aus kulturell minderbemittelten Gesellschaftsschichten stammen. Es stimmt, daß die Ausländer der zweiten Generation zwei Sprachen sprechen (sprechen und nicht beherrschen), aber welche ist ihre Muttersprache, in welcher Sprache spricht ihre "innere Stimme"?

Diese Schwierigkeiten sich mitzuteilen und auszudrücken erzeugt Unverständnis, das Unverständnis erzeugt defensive Strukturen, Mauern und ein gegenseitiges Ausschließen, sowohl Für denjenigen der sich nicht verstanden fühlt als Für denjenigen der mißversteht.

Ein Aspekt der bisher unterschätzt wurde ist derjenige, daß auch in italienischen TGs mit AuslandsitalienerInnen dieselbe Dynamik entsteht da sie auch in Italien Ausländer sind, sie haben andere kulturelle Bezugspunkte. Es handelt sich hierbei um eine Dynamik in der diese zur zweiten Generation zugehörigen KlientInnen einen Teil ihres Selbst verneinen, sei es der deutsche-, schweizerische- oder italienische Teil.  

 

Miteinbezug der Familie und des sozialen Netzes im Rehabilitationsprozess:

 

Bei der Rauschgiftsucht (Alkoholismus gehört auch dazu) handelt es sich auch sehr stark um ein soziales Problem, es entsteht in der Gesellschaft und in der Gesellschaft liegen auch die Ressourcen um sich dieses Problems anzunehmen.

Ein wichtiger Faktor in der Rehabilitation ist der Einbezug der Familie und die Arbeit im und mit dem sozialen Netz. Ich hoffe, daß es sich hierbei um eine Behauptung handelt der heute kein Therapeut aus dem Suchtbereich widersprechen wird.

Die Familie sowie das soziale Netz haben einen starken Anteil an selbstheilenden Ressourcen in sich, Aufgabe eines guten Rehabilitations Projektes ist es sich nicht mit diesen Ressourcen in einen Konkurrenzkampf zu stellen oder zu versuchen diese zu ersetzen; Ein gutes Projekt aktiviert und benutzt diese Ressourcen, da sie unersetzlich sind; Dies auch, damit die Familie und das soziale Netz sich jener Kompetenz aneignen die ihnen oft abgesprochen wurde. Indem sie sich dieser Kompetenz aneignen, übernehmen sie auch jene soziale Verantwortung von der man nicht abdanken kann.

Eine kompetente Familie und ein kompetentes soziales Netz sind auch eine präventive Instanz in Bezug auf das Unbehagen und haben somit auch die Funktion einer Rueckfallpraevention und einer Suchtpraevention Für ihre Mitglieder. 

Das soziale und familiäre Netz der italienischen KlientInnen besteht zum großen Teil aus Menschen die aus dem italienischen Kulturkreis stammen, deshalb ist es notwendig, daß die Therapeuten und Sozialarbeiter die mit diesen Menschen arbeiten, ein Wissen und eine Sprachkenntnis mit sich bringen, das der Realität in die sie sich begeben gerecht werde kann. Mit "Wissen" ist nicht nur ein theoretisches  Wissen gemeint, sondern auch eine entwickelte Sensibilität Für die, mit der Immigration zusammenhängenden, spezifischen Problemata.

Analogien in den persönlichen und familiären Geschichten der KlientInnen:

 

Assimilation im Gegensatz zur Integration: Der Preis zu einer Stadt oder Nation zu gehören in die man eingewandert ist, besteht oft im Verzicht auf die eigenen kulturellen Eigenschaften und der Bezug auf Wert- und Kultur Maßstäbe die im Grunde genommen fremd sind also, die Verneinung eines wichtigen Teiles der Person als Preis Für eine anscheinende Zugehörigkeit, welche aber nicht die Traditionen und die Kultur ersetzen kann die einen großen Teil der kulturellen und mythologischen Erbschaft einer Person ausmachen. Diesem Konzept von "Assimilation" setze ich das Konzept der "Integration" entgegen. Mit "Integration ist jener Prozeß gemeint, der jemandem erlaubt dazu zu gehören ohne auf jene Eigenschaften zu verzichten von denen vorher gesprochen wurde, daß man diese Erbschaft als Mitgift einbringen kann und somit als eine Bereicherung empfunden werden.

Provisoritaet oder Vorlaeufigkeit: Die Familien der KlientInnen sind sehr oft nicht in ihrem sozialen Umfeld eingegliedert, da der Wohnort ja nur vorläufig ist und das Ziel der Familie darin besteht, in ihr Herkunftsland zurückzukehren. Dieses Thema der Vorlaefigkeit spiegelt sich natürlich auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen wieder oder besser, im affektiven und sozialen Austausch zwischen der Familie und ihrem Umfeld.

Man stelle sich eine Ehe mit einem Mann oder einer Frau vor in der er/sie  immer den gepackten Koffer unter dem Bett stehen hat da er/sie früher oder später zur Ursprungsfamilie zurückkehren möchte. Kein Mann und keine Frau könnte so eine Beziehung heil überstehen  und natürlich, könnte so eine Beziehung nicht alle Potentialitaeten freisetzen die sie in sich trägt. So kann die Hypothese aufgestellt werden, daß sich diese Art von Vorlaeufigkeit einem Zugehoerigkeitsbeduerfnis entgegensetzt.

Diese Vorlaeufigkeit bringt das Idealisieren des Heimatortes mit sich, der ja auch der Ort der Zukunft sein soll, also ein Leben das sich in der idealisierten Vergangenheit und der idealisierten Zukunft bewegt und dabei die Gegenwart, den Ist-Zustand nicht in Betracht zieht.

Wenn dann tatsächlich die Rückkehr in das Herkunftsland stattfindet, erlebt die Familie oft ein Böses Erwachen, da das Dorf oder die Stadt aus der sie vor zehn oder zwanzig Jahren ausgezogen ist nicht mehr existiert oder vielleicht nie existiert hat. Sie kommen an einen Ort und in eine Gesellschaft die sie nicht mehr kennen...sie sind Fremde.

Auf Grund all dieser Aspekte habe ich versucht ein Projekt auszuarbeiten welches eine konkrete Möglichkeit darstellen soll Für die Familien und KlientInnen die sich an Rehabilitierungsprogramme wenden.

 

 

 

Das Projekt:

 

Nach Absprache mit verschiedenen Centro Familiare, Missione Cattolica, Colonie Libere und öffentliche Drogenberatungen Für Rauschgiftsüchtige Menschen, dachten wir an Anlaufstellen, die sich an den vorher aufgeführten Orten befinden, da es sich dabei um Anlaufstellen handelt die von italienischen Familien besucht werden und die einen Raum darstellen an dem sich die italienischen Bewohner der Städte treffen. An diesen Orten befinden sich ehrenamtliche Mitarbeiter, Sozialarbeiter und Psychologen. Hier finden zum Teil schon Selbsthilfegruppen statt Für Eltern die Rauschgiftsüchtige Kinder haben. Was notwendig erscheint ist, diesen ehrenamtlichen Helfern und Sozialarbeitern eine Fortbildung zu vermitteln, welche es ihnen erlaubt, so effizient wie möglich zu Helfen. Der gute Wille in dieser Arbeit ist eine Voraussetzung, aber er reicht nicht aus. Deshalb sollten Fortbildungskurse stattfinden Für Leiter von Selbsthilfegruppen die aus jene sozialen Netz stammen in dem diese Selbsthilfegruppen stattfinden sollen. In Italien haben die Leiter und Mitarbeiter des Centro Solidarietà di Modena sehr viel Erfahrung gesammelt in der Arbeit mit ItalienerInnen der zweiten Generation die im Ausland aufgewachsen sind. Zur Zeit findet wöchentlich eine spezifische Gruppe Für diese KlientInnen statt und die Zusammenarbeit zwischen dem CEIS Modena und den verschiedenen Stellen in der Schweiz (Centro Familiare per Emigrati in Bern, FOPRAS Basel und FOPRAS Solothurn) ist sehr stark ausgeprägt, damit auch mit dem sozialen Umfeld und mit den Familien dieser BewohnerInnen gearbeitet werden kann. Oft kommen MitarbeiterInnen des CEIS Modena in die Schweiz oder nach Deutschland um einen Austausch zu pflegen, damit die KlientInnen und deren Angehörige die notwendige Begleitung erhalten um ein an eine sinnvolles, auf die Person zugeschnittenes, Projekt mitzuwirken.